Karl Nolle, MdL

DNN, 10.05.2001

Die Nacht, in der die Plakate kommen

Sonnabend beginnt mit rund 13 000 Wahlpostern die heiße Phase des OB-Wahlkampfes
 
DRESDEN. Stella ist sechs, und dass vom Wochenende an viel mehr Leute als bisher ihre blonden Zöpfe und ihre blau-rot-grüne Brille kennen werden, liegt an ihrem Vater. Der ist SPD-Mann und hat seine Tochter auf das Plakat der Sozialdemokraten für die Oberbürgermeisterwahl gebracht. Ihr Bild, gestern in Großformat präsentiert, gehört zu den Tausenden Plakaten, mit denen Dresden am Sonnabend aufwachen wird.

Denn ab 0 Uhr am 12. Mai dürfen Wahlbotschaften einen Monat lang ohne Gebühr und Genehmigung an Straßen stehen und an Bäume hängen. Über 13 000 sollen es werden: 5000 von der Bürgerinitiative "OB für Dresden", 1500 von der SPD und 1000 von den erst am 17. Mai startenden Grünen - alle drei unterstützen FDP-Mann Ingolf Roßberg -, 1500 von der PDS, 3500 bis 4000 von der CDU für Herbert Wagner und 400 bis 500 von der "Bürgerrechtsbewegung Solidarität" für Roland Galle.


Bevor alle Plakate hängen, geht in der Nacht zum Sonnabend das vor sich, was Verwaltungsbürgermeister und Wahlleiter Wolf-Dieter Müller einmal "Windhundrennen" genannt hat: Die Jagd nach den besten Plätzen, vor allem an den großen Einfallstraßen und im Zentrum. "Ich befürchte fast, dass sich die Plakatetrupps um die besten Plätze rangeln", sagte SPD-Wahlkampfchef Dirk Engelmann. Sein Kollege von der PDS, Andre Schollbach, sieht das gelassener: "Es gibt doch genug Bäume und Laternen für alle Parteien."


Die Junge Union als Wagners Plakatiertruppe will in dieser Nacht von Mitternacht bis morgens um zehn durchmachen - bis zum CDU-Wahlkampfauftakt mit dem thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel. "Wenn schon, dann steigen wir richtig ein", sagte JU-Chef Christian Hartmann. In der Kampagnenkasse sind laut Wahlkampfchef Walter Hannot 200 000 Mark, angestrebt seien 250 000. SPD und PDS mochten keine konkreten Zahlen zu ihrem Budget nennen, die Grünen gaben 10 000 Mark an.


Nach einem Parteitagsbeschluss gehört auch die FDP zum Unterstützerlager von Roßberg. Für Liberalenchef Arno Schmidt heißt das vorerst statt praktischer Hilfe, "dass wir gegen seine Kandidatur nichts einzuwenden haben." Der Kreisvorstand tage am Montag dazu. Bislang sei die Bürgerinitiative nicht auf die FDP zugekommen. Roßberg-Sprecher Stephan Trutschler mochte das nicht akzeptieren: "Es kann doch nicht sein, dass die den Beschluss nur als Stillhalteabkommen auslegen."


Zu ihrem Wahlkampfauftakt stellte die SPD gestern kurzfristig eine Großausgabe ihres Stella-Plakats am Wettiner Platz auf. Ihr zentrales Thema sind die maroden Schulen. Mit Roßbergs Idee eines besseren Gebäudemanagements sollen sie in zehn Jahren saniert sein, mit dem derzeit im Stadthaushalt eingeplanten Betrag würde es 40 Jahre dauern, sagte SPD-Stadtchef René Vits.


OB Wagner stellt seine Plakate am Freitag vor, zeitgleich mit der PDS. Deren Wahlmanager Schollbach mochte gestern nichts zum Motiv sagen. Nach früheren Äußerungen soll erst in einer zweiten Welle ein Kandidat auf dem Plakat zu sehen sein - ob Berghofer oder Roßberg, entscheidet der Parteivorstand spätestens nach Bewerbungsschluss Montagabend.


Wie die CDU, die außer Vogel noch Baden-Württembergs Wahlsieger Erwin Teufel, Kurt Biedenkopf und CDU-Chefin Angela Merkel aufbietet, wollen auch PDS, SPD und Grüne Bundesprominenz als Wahlhilfe heranholen, nannten aber keine Namen. Als bei der SPD noch Karl Nolle designierter OB-Kandidat war, hatte Gerhard Schröder, Kanzler und alter Spezi aus Juso-Zeiten, einen Besuch zugesagt.
(Stefan Alberti)