Karl Nolle, MdL

SPIEGEL ONLINE 18:19 Uhr, 19.07.2018

Studie: Die Wirtschaft wächst, doch der Wohlstand nicht

 
Der Wohlstand in Deutschland stagniert laut einer Studie auf dem Niveau der Neunzigerjahre. Schuld sei die Einkommensungleichheit. Allerdings ist die Methodik der Forscher umstritten.

Der Wohlstand in Deutschland hinkt dem Wirtschaftswachstum im Langzeitvergleich deutlich hinterher. Das ergab eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung (IMK). Hauptgrund dafür sei der Anstieg der Einkommensungleichheit. Insgesamt stagniere das Wohlstandsniveau auf dem Niveau der Neunzigerjahre.

Vor allem in den Nullerjahren habe es laut der Studie einen deutlichen Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland gegeben. "Damals stagnierten die Reallöhne vieler Beschäftigter, während Kapital- und Unternehmenseinkommen stark zunahmen."

Zwar seien die Reallöhne in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen - da allerdings auch die Kapital- und Vermögenseinkommen gewachsen seien, sei die Einkommensungleichheit kaum zurückgegangen.

Auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt

Die Methode, mit der die Forscher den Wohlstand messen, ist allerdings umstritten. Der angewandte sogenannte Nationale Wohlfahrtsindex wird als alternativer Indikator zum gängigen Bruttoinlandsprodukt (BIP) verwendet. Er nimmt vor allem private Konsumausgaben in den Blick. Anders als beim BIP werden dabei neben den ökonomischen auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt. So versucht das Modell etwa, verschiedene Komponenten wie Luftverschmutzung oder Lärmbelästigung zu einem Geldwert umzurechnen.

Dabei würden zu viele Komponenten außer Acht gelassen, sodass die beiden Größen nur bedingt vergleichbar seien, sagte Nils aus dem Moore, Leiter der Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und Governance beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. "Der Indikator ist ein legitimer Beitrag in einer Debatte um erweiterte Wohlstandsmessung, aber es ist nicht so, dass mit diesem Index der Stein der Weisen gefunden wäre."

Bereits Ende Mai hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in Deutschland nicht bei allen Bürgern ankommt. Demnach sind zwischen 1991 und 2015 die realen verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Davon haben laut Untersuchung die meisten Einkommensgruppen profitiert - aber nicht die untersten.

Einkommensungleichheit bedeute aber nicht notwendigerweise Einkommensungerechtigkeit, sagte Stefan Liebig, Vorstandsmitglied beim DIW. "Wenn wir die Menschen fragen, welche Einkommen sie haben wollen und welche Einkommen sie als gerecht ansehen, dann sprechen sie sich in keinster Weise für eine gleiche Verteilung von Einkommen aus. Einkommen sollen durchaus unterschiedlich sein und nach Leistung differenziert sein", sagt Liebig.

ire/dpa