Karl Nolle, MdL

DNN, 06.03.2001

OB-Kandidat in spe / Wolfgang Berghofer war jahrelang IM und GMS der Stasi

Ex-OB Berghofer lieferte bis 1981 Stasi-Berichte
 
DRESDEN (Eig. Ber./hw). Der potenzielle Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl am 10. Juni in Dresden, Wolfgang Berghofer, hat von 1971 bis 1981 als IM „Falk“ für die Staatssicherheit gearbeitet. Dann warf die Stasi ihm Unehrlichkeit sowie ungenügende Kooperationsbereitschaft vor und schloss die Akte. Nachdem Berghofer 1986 Oberbürgermeister geworden war, arbeitete er unter dem Decknamen „Wolfgang“ als „Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit“ mit der Stasi zusammen. Diese Akte ist allerdings größtenteils verschwunden. Überliefert ist aber ein Stasi-Einschätzung, die Berghofer als übermäßig selbstbewusst und ehrgeizig schildert. Nach Meinung des MfS erklärte sich der Funktionär aus Überzeugung und aus Karrieregründen zur IM-Tätigkeit bereit.


„Der IM versuchte sich inoffizieller Arbeit zu entziehen“

Ex-OB Berghofer lieferte bis 1981 Stasi-Berichte

Der potentielle Kandidat für die bevorstehenden Oberbürgermeisterwahlen am 10. Juni, Wolfgang Berghofer, hat jahrelang unter dem Decknahmen „Falk“ der DDR-Staatssicherheit Informationen geliefert und später, ab 1986,als Dresdner Oberbürgermeister als Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit (GMS) „Wolfgang“ mit der Stasi zusammen gearbeitet. Das geht aus Akten des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BstU) hervor.

Laut den Stasi-Unterlagen berichtete Berghofer während seiner Zeit als FDJ-Funktionär der Stasi ab 1971 nicht nur über die politische Stimmungslage in seinem beruflichen Umfeld. Er lieferte dem Geheimdienst auch Einschätzungen über Kollegen, über deren Verfehlungen bis hin zu deren Freizeit. Ab Mitte der 70er Jahre trübte sich das Verhältnis zwischen der Stasi und „Falk“, Ende 1981 folgte der Abbruch der Beziehungen. Für die zeit von 1971 bis 1978 lassen sich zwei Dutzend konspirative Treffs sowie Berichte nachweisen. Demgegenüber ist die GMS-Tätigkeit des Oberbürgermeisters ab 1987 kaum dokumentiert, große Teil dieser Akte sich spurlos verschwunden.

Erhalten ist aber eine Kadereinschätzung der Stasi vom Oktober 1985, in welcher der vorgesehene neue Oberbürgermeister nicht glänzend weg kam. In der Information für Bezirksparteichef Hans Modrow wird Berghofer zwar als begnadeter Organisator mit „festen Positionen zur Politik der Partei“ skizziert. Süffisant zitiert die Stasi-Bezirksverwaltung aber dann aus einer Beurteilung des Zentralrates der FDJ, Berghofers früherem Arbeitgeber: „Er ist ein guter Gesellschafter, der sich gern im Mittelpunkt sieht ... Jedoch wurden bei ihm Tendenzen der Überheblichkeit und Arroganz ... sichtbar ... Er besitzt einen ausgeprägten Ehrgeiz“.

Der 1943 in Bautzen geborene Berghofer hatte schnell Karriere gemacht: Nach Maschinenbaulehre und zweijähriger Arbeit in diesem Beruf wurde er DTSB-Kreissportlehrer und 1965 Sekretär der FDJ-Kreisleitung Bautzen. 1969/70 folgte ein Studium an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“. Ab 1971 baute er die Reisestelle des zentralrates der FDJ auf. In dieser Schlüsselfunktion war er für Westreisen von FDJ-Kadern zuständig und für die Stasi hochinteressant. Am 8. Juni 1971 unterschrieb Berghofer die Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter (IM). Geführt wurde er von der auf die Bespitzelung der Bürger spezialisierten Hauptabteilung XX. sein Führungsoffizier saß in der Abteilung 2 für Jugendfragen. Der schätzte 1972 ein, Berghofer habe „eine gute Einstellung zu den Organen des MfS“.

„Falks“ Auftrag 1972: Er sollte zum Beispiel Westkontakte von Mitgliedern des FDJ-Zentralrates erkunden, mögliche „Republikflüchtlinge“ ermitteln, Stimmungsberichte abgeben u.ä. Außerdem sprach er sich mit dem MfS über den Aufbau der Reisestelle ab – allerdings wurde er später aus nicht näher benannten Gründen „politischer Unsicherheit“ davon abgelöst. Ab 1975 bewährte er sich bei der Organisation von Jugendfestivals. Parallel zu dieser beruflichen Karriere versorgte er die Stasi mit Informationen. Neben allgemeinen Berichten über die Stimmungslage unter FDJ-Funktionären zur Tagespolitik nannte er regelmäßig auch Namen. So informierte er im Mai 1972 über einen Jugendfunktionär, der Bundeskanzler Brandt eine „subjektive ehrliche und Politik“ bescheinigte. Berghofers Führungsoffizier kündigte einen „Wer ist Wer“ - Prozess gegen den unvorsichtigen Funktionär an (im MfS steht „Wer ist Wer“ für die Klärung, ob jemand im Feindeslager“ steht). Im April 1973 berichtete „Falk“ über Alkohol-Probleme und mögliche Bestechlichkeit eines Kollegen. Im Juni 1973 unterrichtete er über Freizeitaktivitäten einer Sekretärin. Im März 1974 übernahm Berghofer den Auftrag, einen Funktionär im Rahmen einer „Operativen Personenaufklärung“ zu kontrollieren.

Höhepunkt war ein Auftrag 1978 an Berghofer, einen alten FDJ-Kumpel bei einer „Operativen Personenkontrolle“ (OPK) zu „bearbeiten“, sich mit ihm wieder anzufreunden und ihm sozialismusfreundliche Äußerungen zu entlocken. Der IM machte zwar bei dem Treffen eigene Vorschläge, das MfS vertraute ihrem Informanten aber längst nicht mehr. Spätestens ab 1976 sah die Stasi „Widersprüche“ in Berghofers Berichten und begann, den IM zu überwachen. Auch drei Silbermünzen im Wert von 300 Mark – die einzige materielle Zuwendung der Stasi für „Falk“ – konnten Berghofers Kooperationsbereitschaft nicht erhöhen. Der fühlte sich vom MfS in seiner Karriere behindert, machte Witze über Funktionäre, die bei der Stasi landeten u.ä.

Ab Mitte der 70er Jahre schätze die Stasi ein, dass Berghofer nicht bereit war, Kollegen zu belasten und seine Kooperation über das in seiner Funktion als FDJ-Mitarbeiter notwendige Maß nicht hinaus ging. Sie warf ihm Unehrlichkeit und eine „negative Einstellung zur MfS“ vor – „operative Maßnahmen zur Person wurden eingeleitet“. Im Abschlussbericht der IM-Akte heißt es: Falk „versuchte sich der inoffiziellen Arbeit zu entziehen und nur über Probleme zu sprechen, die allgemein bekannt waren“. Die Basis für eine Zusammenarbeit sei nicht mehr gegeben. Wie seine spätere GMS-Tätigkeit ab 1987 einzustufen ist, lässt sich auf Grund der mageren Aktenlage nicht einschätzen.
(Heiko Weckbrodt)